Ethische Fragen in Zusammenhang mit Genderdysphorie

von DPG

Rückschau auf die Veranstaltung der AG Ethik-Diskurs auf der Jahrestagung der DPG in Weimar 2023

Sowohl bei dem Gesetzesentwurf von 2020 als auch dem veränderten aktuellen Referentenentwurf stößt man auf eine starke Betonung des Selbstbestimmungsgedankens auch schon bei Jugendlichen und Kindern, die uns den notwendigen Schutz für diese vermissen ließ und ihre Reife und Urteilskompetenz u. E. überschätzt und überfordert. Im ursprünglichen Entwurf wurde vorgeschlagen, dass schon 14-jährige nicht nur über die juristische Namens- und Personenstandsänderung entscheiden können sollten, wenn ihre Eltern einwilligen, sondern auch über die Einleitung medizinischer Behandlungen mit gegengeschlechtlichen Hormonen bzw. sogenannten Pubertätsblockern. Letzteres wurde inzwischen wegen vielfacher Einwände gestrichen. Behandlungsentscheidungen obliegen weiterhin dem ärztlichen Urteil und werden vom Gesetz nicht geregelt. Dabei fällt auch die einjährige Therapieauflage weg.

Wie kontrovers und oft hitzig der Diskurs über diesen Gesetzesentwurf ebenso wie über alle Gender und Transgender -Themen medial und teilweise auch in Fachkreisen geführt wurde, konnten wir alle in den vergangenen drei Jahren verfolgen. Transgenderaktivisten erheben gegenüber Meinungen, die von ihren Forderungen abweichen, rasch den Vorwurf der Transphobie, der Diskriminierung und fehlenden Affirmation; die Affekte der Gegenseite werden in Begriffen wie Ideologie, Genderwahn, Hype oder Hysterie spürbar. 

In Diskussionen kommen oft Ängste auf, Empörung und Entwertung zu ernten, wie das Sebastian Thrul sehr anschaulich in seinem Kongressbeitrag zur Jahrestagung 2022 beschrieben hat (Zwischen Zersplitterung und Halt, erschienen im Tagungsband: Virtuelle Berührung – zersplitternde Realität, Zur Psychoanalyse und Internetkultur, Grabska, K; Mauss-Hanke, A; Palußek, U; Stakelbeck, F; Psychosozial Verlag, Giessen, S. 253-263).

Die vereinfachte Personenstandsveränderung erspart erwachsenen Transgenderpersonen die Begutachtung und damit aufwändige Verfahren, die von vielen als demütigend empfunden werden. Bei Jugendlichen halten wir sie dagegen für problematisch, da der Wegfall von Begutachtung und Beratung oder Therapie auch den Verzicht auf eine triangulierende Instanz bedeutet, sowie auf eine Möglichkeit der Reflexion, die im tieferen Interesse der Jugendlichen wäre, auch wenn sie ihrem momentanen oft extrem dringlichen Wollen sowie der akuten Linderung teils massiven Leidens entgegensteht. Dies ist besonders wichtig, wenn Eltern in einer unbewussten Kollusion mit dem Kind verstrickt sind oder aus Unsicherheit meinen, seinen Wünschen die eigenen Zweifel und Bedenken nicht entgegensetzen zu dürfen, was medial im Sinne einer transaffirmativen Haltung auch vielfach vermittelt wird. 

Eine Unterscheidung einer aus passageren Pubertäts- und Identitätskonflikten entstandenen Transgenderidentität von einer dauerhaften ist von zentraler Bedeutung, um unumkehrbare verfrühte Entscheidungen und damit mögliche körperliche und seelische Schädigungen zu vermeiden, wie sie z.B. von Retransitionern berichtet werden. Es ist zu vermuten, dass die Erleichterung dieses ersten rechtlichen Schrittes auch den Wunsch nach medizinischer Behandlung entweder durch Pubertätsblocker oder durch Hormontherapie verstärkt. 

David Bell, Alessandra Lemma, sowie im deutschsprachigen Raum vor allem Alexander Korte, Alice Schwarzer, Bernd Ahrbeck, sowie die Sexualmedizinerin Renate Försterling, selbst eine Transfrau und viele andere, haben auf die körperlichen und seelischen Gefahren durch ungenügend geprüfte Entscheidungen hingewiesen. Als Psychoanalytiker:innen können wir nicht auf die Frage nach den individuellen psychodynamischen und auch den gesellschaftlichen Hintergründen solcher Identitätsentwürfe verzichten. Wie schwer integrierbar die unterschiedlichen Positionen allerdings auch unter Psychoanalytiker:innen zuweilen sind, klang unter anderem im Vortrag von Avgi Saketopoulou auf der diesjährigen Jahrestagung an und lässt sich in einem beklemmenden Streitgespräch zwischen ihr und David Bell nachlesen. (Can we think psychoanalytically about transgenderism? An expanded live Zoom debate with David Bell and Avgi Saketopoulou, moderated by Rachel Blass, Rachel B. Blass, David Bell & Avgi Saketopoulou, International Journal of Psychoanalysis, Vol. 102, 2021)

In unserer Veranstaltung hat Bernd Ahrbeck, der seit Jahren wissenschaftlich und medial mit dem Thema befasst ist (siehe Bernd Ahrbeck, Marion Felder Hrsg., Geboren im falschen Körper, Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, 2022 ), in Vertretung des Sexualwissenschaftlers und Kinder- und Jugendpsychiaters Alexander Korte, der kurzfristig abgesagt hatte, über die massive Zunahme der Genderdysphorie, die Möglichkeiten und Risiken ihrer medizinischen Behandlung, sowie Gefahren verfrühter Entscheidungen informiert, was angesichts mancher, teils ideologisch motivierter Fehlinformationen in den Medien notwendig schien. Wir thematisierten auch das ethische Dilemma, dass die Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen der Transgenderjugendlichen, den sogenannten Desistern und Persistern, sehr schwierig ist, da es keine eindeutigen Kriterien dafür gibt. Deswegen ist es sehr schwer zu entscheiden, für welche Jugendliche eine möglichst frühzeitige medikamentöse Behandlung der richtige Weg wäre, der zur deutlichen Leidensverminderung beitragen würde. Andererseits bedeutet ein künstliches Stoppen der Pubertät durch Pubertätsblocker nicht einfach einen Gewinn an Überlegungszeit, wie oft behauptet wird, sondern einen Eingriff in den natürlichen Reifungsvorgang, der starke psychophysische Auswirkungen hat. Behandlungen mit gegengeschlechtlichen Hormonen, sowie evtl. chirurgische Maßnahmen sind mit Risiken behaftet und oft unumkehrbar.  

Diesem Dilemma kann man nicht entgehen, es kann nur ausgehalten und mit den betroffenen Jugendlichen und ihren Eltern besprochen werden.

Die sehr lebhafte Diskussion in der Veranstaltung fokussierte darüber hinaus auf die großen Schwierigkeiten für Eltern und Therapeuten im Umgang mit Transgender-Jugendlichen, auf das Phänomen der sozialen Ansteckung, die Rolle des Internet, die generelle gesellschaftliche Tendenz, den Wünschen von Jugendlichen zu wenig Grenzen zu setzen, bzw. die  Auseinandersetzung mit ihnen zu vermeiden, sowie die verbreitete Vorstellung grenzenloser Machbarkeit. Auch bewegende Fallbeispiele im eigenen Umkreis und die erlebte subjektive Irritation und Verunsicherung durch das Phänomen Transgender wurden von den Teilnehmer:innen angesprochen.

Bettina Herrmann, München, 08.07.2023

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