Auszüge
aus Schultz-Henckes Tagebuch
03.05.1938
Vorher schwer bedrückt. Denn Müller-Braunschweig hatte in Wien
einen liebevollen Brief an A. Freud geschrieben. Die damit zur Gestapo.
Er aus Wien scharf zurückgeschickt. Jetzt hat er sein Seminar verloren
und seine Vorlesung. Boehm sein Seminar über Freuds Krankengeschichten
ebenso. Beide schwer bedrückt. Nicht zu ändern ... Gestern
mit Göring bei Dr. Ehrlich Gestapo. Der Führer fuhr gerade
durch die Wilhelmstraße. Ging sehr gut. Nur Müller-Braunschweig
ist abgehängt. Alles bleibt in der Schwebe. Mit Wirtz
und Ehrlich würden wir weiterkommen als mit Göring. Ich frage
mich jetzt leise, ob er der bloß wissenschaftliche Gegner noch
beinahe gefährlicher ist als die Politiker. Anderseits verstehe
ich seine wilde Opposition gegen Müller-Braunschweigs und Boehms
Sturheit. So geht das.
25.06.1938
Am Dienstag sahen wir das Sonnenwendfeuerwerk ... Grandios. Während
man Judensterne an die Schaufenster der Juden malt, nachts, von jungen
Bengels in Zivil, ohne daß die Polizei etwas tat.
Inzwischen hat Boehm in einem Seminar einen Fall vorgetragen. Jüdin.
Und, wie ich früher schon mal von ihm hörte, erklärt,
er habe Sympathie zu ihr empfunden. Folge: Er darf nicht mehr lesen.
Also zwei Harakiri: Wohl im Grunde ubw. Sabotage ihrer eigenen ihnen
unerträglichen Anpassung an das Hier und Heute wissenschaftlich
geforderte Zusammenarbeiten.
16.11.1938
... Diese Rede von Goebbels. Infernalisch. Diesmal sind 90% des Volkes
dagegen in den schärfsten Ausdrücken. G. sah selbst, wie sie
in der Tauentzien aus dem zweiten Stock Kleider und Mäntel runterwarfen.
20.11.1938
Gestern Abend Auflösung der Psychoanalytischen Gesellschaft. Nach
28 Jahren. Ruhig. Dann ein idiotisch psychoanalytisch bornierter Vortrag
von Frau von Wimmersberg, wie aus einer Karrikatur. Als ich auf Kemper
zuging meinte er, so schlecht, wie ich meine, sei es nicht ... Sie ist
bei Federn ausgebildet. 90er Jahre Auffassung, wie aus einem verstaubten
Panoptikum herausgebuddelt ... Mit solch einem Zeug ist wissenschaftliche
Zusammenarbeit nicht möglich. Was tun?
16.01.1939
Das Institut sollte durch den 4-Jahresplan statt mit 80.000 mit 20.000
RM finanziert werden. Kemper und Schultz-Hencke sollen Kollegen, die
bei der SS sind und bei der Luftwaffe zu tiefenpsychologischen Therapeuten
ausbilden. (Künkel und Jungianer nicht qualifiziert genug). SS soll
das finanzieren. Boehm soll abgesägt werden, Mü-Br.
menschlich sehr gut aber stur. Göring seit 2 Jahren psychoanalysefreundlich
geworden;
22.04.1939
Ich fühle mich krank. Draußen grünt es. Eben fand ich
das Buchfinkennest. Der alte singt immer nur in einiger Entfernung ...
Die Amarika lassen die braunen Nadeln fallen und ordnen sich ein. Hyazinthen
blühen, Forsithia, Kirschen, Pflaumen und Pfirsich. Und vieles andere
...Ich fühle mich schlapp, mit Kälteempfindlichkeit der Haut
und Dauermuskelkater. Ich kann nicht entscheiden, ob dieses Schwächegefühl
mich primär in gewisser Weise zukunftslos macht oder ob Kriegsgefahr,
Finanzen, G., Bedrohtheit der wissenschaftlichen Position und ein Jahr
vergangen ...? Und doch sehe ich das Schöne draußen, das doch
nur zum Teil meine Schönheit ist, kann arbeiten, schreiben, trage
vor.
Boehm und Müller-Braunschweig haben schon seit endloser Zeit keine
Sitzung mehr einberufen. Wollen sie die Psychoanalyse einschlafen lassen?
Weil sie selbst nichts mehr dafür tun können.?
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01.08.1939
Das Institut hat einen Etat von 300 000 M bekommen. Wer wird sich damit
alles dauersanieren.
Und im Hintergrund: was wird nun geschehen? Ich glaube in 8 bis 14 Tagen
eine riesige Mobilisierung des ganzen Volkes als Bedrohung der ganzen
Welt. Und dann doch keinen Krieg.
05.09.1939
Jede Nacht dunkles Berlin. Mond. Rote Straßenbahnen, blaue Omnibusse
und alles wartet. Ich habe immer noch die Hoffnung, daß wir nach
Besetzung von Polen sagen werden (bevor England richtig losgeschlagen
hat): Wollt ihr nun noch Krieg? Und daß die andern doch verhandeln
werden.
26.09.1939
Freud ist gestorben. Wohl gut für die wissenschaftliche Entwicklung.
04.11.1939
Das Institut wird organisiert, mehr als das? Posten. Jeder scheint jedem
einen verschaffen zu wollen.
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