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Harald
(Alfred Carl-Ludwig) Schultz-Hencke
(18.08.1892 Berlin 23.05.1953 Berlin), Dr. med., Harald Schultz-Henckes
Vater (Dankmar Carl Sigbert Schultz-Hencke) war Direktor der fotografischen
Lehranstalt (Lette-Verein) in Berlin; seine Mutter (Rosalie Adelaide
May Zingler) war eine der ersten Graphologinnen in Berlin. Sie war angeblich
die uneheliche Tochter des englischen Königs Edward VII. Es war
ihr vom Arzt verboten worden, sich ihren Kindern zu nähern, da sie
Lungentuberkulose hatte. Sie starb 1902. Sowohl von seinem Vater als
auch von seinem Großvater (väterl.) wurde Schultz-Hencke schon
früh an naturwissenschaftliche Fragen herangeführt. Er legte
in seinen Lebensläufen besonderen Wert auf die Mitteilung, dass
sein Urgroßvater als Amateurastrologe für die Entdeckung der
Planetoiden Astraea und Hebe mit der goldenen Medaille der Wissenschaft
ausgezeichnet worden war. Schultz-Henckes Bruder Walter fiel im 1. Weltkrieg
(29.05.1915), seine Schwester hieß Luanna Asträa und seine
Halbschwester Hanna - der Vater hatte ein 2. Mal eine sehr viel jüngere
Frau geheiratet. 1911 studierte Schultz-Hencke Medizin, Philosophie und
Psychiatrie in Freiburg/Br. (bei Rickert, Husserl, Heidegger, Hoche und
Kehrer). 1914 ging er freiwillig als Militärarzt in den Krieg, 1917
erwarb er seine Approbation. Schultz-Hencke gehörte dem linken Flügel
der Freideutschen Jugend an. Er war körperlich eher kränklich
und wandte sich intensiv biologischen Studien zu (züchtete z.B.
die Fischgruppe der Cichiliden). Nachdem er Bücher von Siegfried
Bernfeld gelesen hatte, entschloss er sich, Schizophrenie "im Freudschen
Sinne" aufzuhellen und gab seine Absicht, Politiker zu werden, auf.
1922 begann er die psychoanalytische Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen
Institut (BPI) und ging zunächst zu F. Boehm in Analyse, die er
unbefriedigt abbrach und bei S. Radó fortsetzte (Sommer 1925 01.06.1926).
Ihn empfand er als kalten Rationalisten. Zusammen mit O.
Fenichel gründete er 1924 das "Kinderseminar", eine informelle
Diskussionsgruppe jüngerer Ausbildungskandidaten. 1927 und 1928
war er Dozent am Berliner Psychoanaltischen Institut. Schultz-Henckes
Kritik an Metapsychologie und Libido-theorie und das Verfolgen einer
eher aktiven therapeutischen Methode, führten zu Lehrverbot und
machten ihn, zum inneren Gegner" der Vereinigung. S. Freud
nahm F. Boehm das Versprechen ab, nie mit Schultz-Hencke im Vorstand
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zu sein. In erste Ehe war
Schultz-Hencke mit der schwer nierenkranken Frieda von Brixen verheiratet,
die er in Freiburg kennen gelernt hatte. Unmittelbar vor ihrer Erkrankung
hatte sie bei Anna Smeliansky eine Analyse begonnen und suchte dann in
einem Sanatorium Heilung. Sie war bereits in sehr schlechter körperlicher
Verfassung, als Schultz-Hencke ihr mitteilte, dass er sich von ihr trennen
wollte und starb einen Tag später. Er heiratete seine Patientin
Gerda Bally (geb. Lederer), eine aus der Schweiz stammende "Halbjüdin",
die sich im Verlauf ihrer Analyse bei Schultz-Hencke von ihrem Ehemann,
dem Psychoanalytiker Gustav Bally getrennt hatte. Beide Ehen Schultz-Henckes
waren kinderlos geblieben. Die Ehe mit Gerda Bally wurde 1945 geschieden.
Harald Schultz-Hencke wurde Gründungsmitglied der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen
Gesellschaft für Psychotherapie (1934) unter der Leitung von M.
H. Göring, ohne Mitglied der NSDAP zu sein. Nachdem Schultz-Hencke
vor dem erzwungenen Zusammenschluss der verschiedensten therapeutischen
Richtungen im "Deutschen Institut für psychologische Forschung
und Psychotherapie" (gegr. 1936 unter der Leitung von M.H. Göring)
vor allem das Tradierte kritisiert hatte, begann er nun seinen eigenen
Standpunkt zu entwickeln; besonders intensiv befaßte er sich (dann
vor allem nach dem Krieg, 1949) mit der Traumanalyse. War in früheren
Jahren vor allem O. Fenichel sein Kontrahent gewesen, so entwickelte
er nun seine Neoanalyse ohne die Auseinandersetzung mit seinen
psychoanalytischen Kollegen, die ja ihre Terminologie nicht benutzen
durften und auch ohne die sich entwickelnden neoanalytischen Richtungen
(Sullivan, Horney, Alexander, Radó, Fromm) in den USA (während
des Krieges) rezipieren zu können. Im Gegensatz zu F. Boehm und
C. Müller-Braunschweig durfte er weiter Lehranalysen durchführen.
Trotzdem stieß er mit seinem Darstellungsstil immer wieder auf
Ablehnung (Kommentar von G. R. Heyer: Lieber eine Schachtel Schwefelhölzer
fressen als zehn Seiten Schultz-Hencke lesen!). Einige Passagen
aus seinem Tagebuch lassen
ihn selber sprechen. 1942/43, war er als Oberarzt im Lazarett
tätig und vor allem mit chirurgischen und internistischen Aufgaben
betraut. Mit der Ernennung des Deutschen Instituts zum Reichsinstitut
im Reichsforschungsrat" (1943) wurde Schultz-Hencke auch für
therapeutische Aufgaben freigestellt. Trotzdem behielt er seine politisch
distanzierte Rolle bei. W. Kemper berichtete, dass Schultz-Hencke während
einer Sitzung des Verwaltungsrats in Görings Gegenwart sagte: Sie
alle wissen, daß ich kein Nationalsozialist bin und niemals einer
sein werden. Tun Sie (an Göring gewandt) was Sie für richtig
halten. Im Mai 1944 schlug M. H. Göring Schultz-Henckes Ernennung
zum Professor vor. Zu einer Entscheidung darüber ist es nicht mehr
gekommen.
Schultz-Hencke begann bereits 4 Tage vor der Kapitulation Deutschlands,
zusammen mit dem Psychoanalytiker Werner Kemper, der Psychotherapie eine
neue institutionelle Grundlage zu verschaffen. Am 04.05.1945 gründeten
sie das "Institut für Psychopathologie und Psychotherapie" (IPP),
das von Schultz-Hencke geleitet wurde. So wie im "Deutschen Institut" sollten
darin alle therapeutischen Gruppen zusammenarbeiten. Den theoretischen
Mittelpunkt stellte nicht mehr die Deutsche Seelenheilkunde" dar,
sondern Schultz-Henckes Neoanalyse oder Kernauffassung,
von der er die Vorstellung hatte, dass sie die wesentlichsten Elemente
der anderen therapeutischen Richtungen enthielte und damit letztlich
die anderen Richtungen überflüssig machte. Auch hielt er es
für möglich, seine Lehre im Sinne Pawlowscher Kategorien zu
formulieren. Er war fest davon überzeugt, dass der deutsche
Staat seine Auffassung teilte und die klassische Psychoanalyse
langfristig nicht mehr dulden würde. Am 07.11.1945 folgte
die Gründung der "Neoanalytischen Vereinigung". Aus dem
IPP ging das " Zentralinstitut für psychogene Erkrankungen
der Versicherungsanstalt Berlin (VAB)" (später wurde es von
der AOK übernommen) hervor. Die VAB finanzierte das nun von Kemper
geleitete Institut, das vorwiegend der Patientenbehandlung diente. Bei
den 8 Mitarbeitern konnten auch nichtärztliche Psychotherapeuten
beschäftigt und Lehranalysen mitfinanziert werden. Schultz-Hencke
war Kempers Stellvertreter und Leiter der Abteilung Prophylaxe. Ihn interessierte
vor allem die wissenschaftliche Auswertung der Behandlungen. Am 09.05.1947
wurde das Institut für Psychotherapie gegründet, das ganz unter
Schultz-Henckes Einfluss stand. Von den 21 mitwirkenden Dozenten gehörten
7 der Gruppe um Schultz-Hencke an, 6 zu den sog. "Altanalytikern" und
3 waren nicht zuzuordnen; 4 wurden zur jungianischen Gruppe gezählt
und einer war ein schulmäßig nicht gebundener Graphologe.
Nach Kempers Übersiedlung nach Brasilien (Dez.1948) wurde Schultz-Hencke
Leiter des "Zentralinstituts". Mit dem Selbstverständnis
die Psychoanalyse erneuert und ihre klassische Position überwunden
zu haben, trug Schultz-Hencke auf dem 1. Internationalen Psychoanalytischen
Kongreß nach dem Krieg in Zürich (1949) seine Lehre vor. Er
ging davon aus, dass sich die IPV in einen, durch den amerikanischen
Einfluss der Auffassungen von K. Horney, F. Alexander, S. Radó und
ihm selbst gestärkten neoanalytischen Flügel und einen, in
Zürich von C. Müller-Braunschweig ihm entgegengehaltenen "orthodoxen",
aufspalten würde. In der internationalen Öffentlichkeit gab
es noch keine politische Basis um die Deutschen als Gesprächspartner über
gemeinsame Fragen zu akzeptieren. Die DPG wurden nur vorläufig in
die IPV wieder aufgenommen und ihr eine Klärung ihrer schwerwiegenden
Differenzen zur Auflage gemacht. Es wurde Schultz-Hencke nahegelegt,
seine eigene Gesellschaft zu gründen. C. Müller-Braunschweigs
Versuche, ihn zu einem Austritt aus der DPG zu bewegen, waren erfolglos.
Schultz-Henckes Übernahme einer Professur für Psychotherapie
an der Charité scheiterte an dem Veto der DPG (vom 26.9.1949),
die - gemäß den Richtlinien des Berliner Magistrats - beanstandete,
dass Schultz-Hencke sowohl im Ostteil (Charité) als auch im Westteil
der Stadt (Leitung des Instituts f. Psychotherapie) finanzielle Einnahmen
hatte.
Je genauer Schultz-Hencke die amerikanische Entwicklung kennenlernte,
desto deutlicher wurden ihm die Unterschiede zu seiner "Neoanalyse" -
die er zutiefst enttäuscht wahrnehmen mußte. Schultz-Hencke
muss ein brillanter Lehrer gewesen sein, der es vor allem verstand, die
Jüngeren zu begeistern. Als ärztlicher Psychotherapeut genoss
er auch das Ansehen des, den Psychoanalytikern und vor allem den nichtärztlichen
gegenüber meistens ablehnenden, medizinischen Establishments. Auch
Schultz-Hencke strebte langfristig eine ärztliche Psychotherapie
an; Leukotomie anerkannte er als legitimes therapeutisches Mittel. In
der DDR stand die Neoanalyse Schultz-Henckes im Mittelpunkt der Psychoanalyserezeption.
Schultz-Hencke starb bereits mit 60 Jahren an den Folgen einer Blinddarmoperation.
Seine Berliner Adressen:
1927 - 1929 Schöneberg, Viktoria-Luiseplatz 12
1930 - 1936 Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 26
1937 - 1953 Wilmersdorf, Kaubstr. 4
Literatur:
- Brecht, K., Friedrich, V., Hermanns, L. M., Kaminer, I., Juelich, D.
(1985): "Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise
weiter..." Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg
- Bundesarchiv Kl Ew.762.
- Derbolowsky, Lindenberg, W. (1949): Wissenschaftliche Tagung der Psychiater
und Neurologen in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. 27. -
29.Mai, 1948. In: Psychiatrie, Neurologie und Medizinische Psychologie,
Leipzig, Bd I, S. 53 -59
- Freud, A. (1949): Bulletin of the International Psychoanalytical Association.
Report of the sixteenth international Psychoanalytical Congress. (Zürich)
IJP, Jhrg. XXX, Part 3
Kemper, W. (1973): Werner W. Kemper. In: Pongratz, Psychotherapie in
Selbstdarstellungen, Huber, Stuttgart, S. 259-345
- Köhler, A. (1988): Die Beziehung Schultz-Henckes zur Psychoanalyse
und seine Bedeutung für die Entwicklung der Psychotherapie in Deutschland.
In: Rudolph, G. u. Rüger, U.: Die Psychoanalyse Schultz-Henckes.
Stuttgart
- Lockot, R. (1985): Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse
und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.
- Lockot, R. (1988): Wiederholen oder Neubeginn: Skizzen zur Geschichte
der "Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" von 1945 -
1950. Jahrbuch der Psychoanalyse, Frommann-Holzboog, Bd. 22, S. 218-235
- Müller-Braunschweig, C. (1948): Skizzen der Geschichte der "Deutschen
Psychoanalytischen Gesellschaft von 1936 1947. (Bericht
des Vorsitzenden auf der Generalversammlung vom 17.April 1948). (Bundesarchiv)
- Schultz-Hencke, H.: (03.07.1944), Lebenslauf, (Bundesarchiv)
- Schultz-Hencke, H.: Lebenslauf, (Bundesarchiv)
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