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Inhaltsverzeichnis
(zum Navigieren bitte auf den Titel klicken)
1. Zur „Frühgeschichte“ der
Psychosomatischen Medizin
2. Das Leib-Seele-Problem im Spiegel
des Rationalismus
3. Psychismus und Somatismus – zwei
Medizin-Richtungen im 19. Jahrhundert
4. S. Freuds Entdeckung des ersten
psychosomatischen Modells
5. Erweiterungen und Folgemodelle
des Konversionskonzeptes
6. Das Problem der Spezifität
beim Zusammenwirken seelischer und
körperlicher Faktoren
7. Die zweiphasige Verdrängung
bei Alexander Mitscherlich
8. Pensée operatoire
und Alexithymie
9. Psychosomatik im
Zeichen der Neurobiologie – der
Blick in die Zukunft
Die zweiphasige Verdrängung bei Alexander Mitscherlich
Alexander Mitscherlich knüpfte mit seiner Theorie der „zweiphasigen Verdrängung“ direkt an Schur an. Beide gingen – anders als Franz Alexander – nicht von einer allgemein gültigen (interindividuellen) Spezifität aus, sondern erklärten psychosomatische Reaktionen und Krankheiten auf der Basis von Anlagen, die im Rahmen bestimmter seelischer Belastungen – insbesondere Traumatisierungen – benutzt werden. Das heißt, dass sie von einer nicht verallgemeinerbaren, intraindividuellen Spezifität ausgingen. Mitscherlich beschreibt nun eine erste
Phase, in der das bedrängte Ich versucht, innere oder zwischenmenschliche Konflikte auf seelischem Wege unbewusst zu machen (Verdrängung). Aufgrund einer vorliegenden Ich-Schwäche (strukturell oder funktionell) gelingt dies nicht und das Ich versucht – in
der zweiten Phase - einen Rückgriff auf frühere, somatische Ausdrucksformen für anders nicht kanalisierbare Affekte.

Alexander Mitscherlich22
Geb. 1908 in München (Deutschland)
gest. 1982 in Frankfurt/M. (Deutschland)
Unter ausdrücklichem Rückgriff auf Schur schrieb Mitscherlich
23:
„Mit einem Begriff Max Schurs (1974) zu sprechen- »Desomatisierungsvorgänge« (Zurückdrängung körperlicher Korrelate emotioneller Erregung) können durch traumatisch wirksame Erlebnisse eine definitive Behinderung erfahren. Oder es kann schon bei geringer Belastung ein Rückgriff auf die charakteristischen körperlichen Affektkorrelate der frühen Kindheit erfolgen, vor allem den Angstaffekt und seine Ausdrucksformen. Die Kraft zur Neutralisierung von Energie ist im Ich dann geschwächt. Mit dieser Bemerkung spielen wir auf die Theorie von Heinz Hartmann (1964/65) an, es müsse dem Ich gelingen, Triebenergie von ihren ursprünglichen Zielen abzuziehen, zu »neutralisieren« und sich selbst zunutze zu machen, ohne daß dabei aufwendige Konflikte mit Es und Über-Ich entstehen. Nur so könne es sich mit eigenen Zielen gegen die ältere Organisationsform der Triebe, das Es, zur Geltung bringen; unter Umständen auch gegen die innere Präsenz der gesellschaftlichen Normen des Verhaltens, gegen das Über-Ich.
Dabei ist zu bedenken, daß im Akt der Regression niemals das ursprüngliche, infantile psychosomatische Gesamtmilieu wieder erreicht werden kann. Ontogenetische Reifungsschritte können nicht beliebig zurückgenommen werden. Die Reaktionsformen, die für das erste, zweite oder dritte Lebensjahr psychosomatisch charakteristisch und adäquat waren, sind nicht mehr verfügbar. Doch der unbewältigbare affektive Druck, die psychische Erregtheit des Individuums, sucht nach solchen vom Ich nur schwach gebremsten somatischen Ausdruckskorrelaten. Es ist unsere Vermutung, daß die in der Phantasie erstrebte Rückkehr zu bestimmten infantilen Befriedigungsformen oder Abwehrleistungen deshalb krank macht, weil dem Organismus die regressive Anpassung, wie sie hier gefordert wird, nicht mehr möglich ist: Es ist ihm unmöglich, das biologisch infantile Korrelat der Emotion zustande zu bringen. Der Kompromiß zwischen den realen Möglichkeiten des Organismus und einem stürmischen, auf die Außenwelt keine Rücksicht nehmenden Verlangen nach Abhilfe - sei es eines auf Befriedigung pochenden Triebwunsches, sei es starker Angsteinwirkung - vollzieht sich dann in der pathologischen Leistungsveränderung. Das ist freilich nur ein Aspekt der Kompromißbildung; ein anderer liegt in den viel stärkeren aggressiven und libidinösen Möglichkeiten des erwachsenen Individuums und deren autoplastischen Auswirkungen. So wie das reife Individuum libidinös und aggressiv sielt viel nachhaltiger zur Geltung bringen kann als das Kind, so vermögen auch die pathologischen autoplastischen Einwirkungen der Aggression schwere, chronische und unter Umständen tödliche Folgen herbeizuführen.
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22 Wir danken der Universitätsbibliothek Frankfurt für
die freundliche Überlassung des Fotos aus dem Nachlass von Alexander-Mitscherlich.
23
Mitscherlich A: Bedingungen der Chronifizierung psychosomatischer Krankheiten
Die zweiphasige Abwehr In: Brede Karola (Hg): Einfürhung in die psychosomatische
Medizin. Syndikat, Frankfurt/M. 1980, S. 396-406
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1. Zur „Frühgeschichte“ der
Psychosomatischen Medizin
2. Das Leib-Seele-Problem im Spiegel des
Rationalismus
3. Psychismus und Somatismus – zwei Medizin-Richtungen im 19. Jahrhundert
4. S. Freuds Entdeckung des ersten psychosomatischen
Modells
5. Erweiterungen und Folgemodelle des
Konversionskonzeptes
6. Das Problem der Spezifität
beim Zusammenwirken seelischer und
körperlicher Faktoren
7. Die zweiphasige
Verdrängung bei
Alexander Mitscherlich
8. Pensée operatoire und Alexithymie
9. Psychosomatik im Zeichen der Neurobiologie – der
Blick in die Zukunft
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